Corona

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mastastefant
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Re: Corona

Beitrag von mastastefant » Mi Nov 18, 2020 3:17 am

Da muss man schon sagen, es ist hoechst merkwuerdig, wenn hierzulande der vermeintliche Datenschutz derart hoch gehalten wird, dass ernsthaftes digitales Contact Tracing durch verpflichtende Handyappnutzung bei Auszerhausgehen nicht einmal erwogen wird.
Wenn man das datenschutzkonform implementiert und den Quellcode offenlegt, ist auch nichts dagegen einzuwenden. Muss man halt machen, ist nur schwieriger. Die deutsche und österreichische App ist immerhin auf github.com opensource.

Allerdings warum man dann nicht gleich eine einheitliche App haben kann versteh ich nicht. Wenn ich ins Ausland fahre bringt die Stopp Corona App genau gar nix, ich muss die dort lokale App installieren, und meine deaktivieren, weil die sich sonst ins Gehege kommen laut Webseite.

Aber das Hauptproblem mit der App ist: wenn man so eine App verwenden würde, müsste man die Leute ja auch wirklich in Quarantäne schicken bei einem *potentiellen* Kontakt!
Tatsächlich passiert genau das Gegenteil. Die Kriterien wer als potentielle Kontaktperson tatsächlich in Quarantäne muss werden immer höher geschraubt. Positiver Fall in der Klasse oder in der Arbeit? Normalerweise müssten alle K1 und K2 mal in Quarantäne, bis die K1s negativ getestet sind! Erst dann kann man (halbwegs) sicher sein und darf man raus. Tatsächlich passierts immer mehr umgekehrt, die Leute werden nicht in Quarantäne geschickt sondern nur grad mal in "freiwillige Selbstisolation für ein paar Tage", wenn überhaupt. Getestet wird nur mehr wenns praktisch eh schon klar ist dass man infiziert ist.
https://www.theguardian.com/education/2 ... -in-school

Warum? Naja, wenn man Leute in offiziell Quarantäne schickt steht denen Krankenstand/Entschädigung zu. Und wenn das Tracing und Testen nicht hinterherkommt, müsste man dann ja einen ganzen Haufen Leute in Krankenstand schicken und Schüler nach Hause schicken.

Das mit der freiwilligen Isolation ist ja eine schöne Idee. Funktioniert in der Praxis halt nicht, weil so einfach von den Mitbewohnern wird man sich nicht isolieren können, und ob der Arbeitgeber der Billa-Regalschlichter-Mitbewohnerin dann auch die Angestellten einfach so freiwillig ein paar Tage bezahlt ohne Urlaub nach Hause schickt, kann sich jeder selbst überlegen ..

Deswegen finde ich dieses Rumgefurze mit Freiwillig und Eigenverantwortung so schäbig. Das ist nur Code für "Die Containment Strategie haben wir verpfuscht, jeder muss jetzt selber mit den Kosten und Problemen klarkommen."
De facto nimmt man hier fuer den Datenschutz tausende Tote und Abermilliarden an Schulden und Verlusten in der Wirtschaft in Kauf (man vergleiche die Coronaentwicklung hierzulande mit jener in Japan oder Suedkorea).
Das selbe Argument kann man aber auch auf die Schulöffnungen und den späten Lockdown anwenden.

In Südkorea wird grad ein Teil-Lockdown eingeführt weil man dort bei 200 Fällen am Tag ist (insgesamt, nicht Insidenz! bei 5x sovielen Einwohnern wie Ö). In China wird bei 100 asymptomatischen Fällen gleich mal 14 Mio Leute übers Wochenende getestet.

In Österreich haben hatten wir alle 10 Tage soviele Fälle wie ganz China *insgesamt* im ganzen Jahr, bevor wir endlich einen halbherzigen Teil-Lockdown gestartet haben. Die Positivitätsrate bei uns ist über 20% mittlerweile, d.h. wir testen entweder nur mehr Leute bei denen es eh klar ist dass sie infiziert sind, oder die Dunkelziffer ist mittlerweile schon extrem hoch. Bei der niedrigen Erfolgsrate beim Contact-Tracing sagt das defakto nur mehr: Die Familienmitglieder haben sich bei anderen Familienmitgliedern angesteckt, aber woher das Virus in die Familie kommt, Schulterzuck. Und bei dem Dashboard gibts alle paar Wochen wieder irgendeinen Anfängerfehler bei der Datenauswertung.

Und dann sagen die Leute "Den Zahlen aus China kann man ja nicht vertrauen" ... Mag sein, aber selbst wenn die wahren Zahlen um 100% oder gar Faktor 10 höher liegen, sind unsere Zahlen per capita um Zehnerpotenzen schlechter, und selbst das ist nur eine grobe Unterabschätzung bei uns mittlerweile.

Bei den Schulen sagen die Daten grade mal, die Kinder sind genauso infiziert wie die Eltern. Ob das jetzt von den Eltern zu den Kindern oder umgekehrt geht, weiß man aber nicht. Normalerweise dürfts aber ja eher so sein dass die Kinder die Viren aus der Schule heimbringen und die Eltern krank werden als umgekehrt ...

Da hilft dann die Tracing App auch nix. Wenn da ein Fall in der Schule ist, müsste die App erst mal die halbe Schule und die Eltern dazu in Quarantäne schicken. So wie die App funktionieren dürfte, wird aber nur gewarnt wenn der direkte Kontakt positiv getestet wird. Wenn man dann nicht Leute testet oder zumindest formal in Quarantäne schickt, sondern wenn nur freiwillig, warnt die App auch nicht (zumindest bei der Deutschen App, bei der Stopp App weiß ich jetzt nicht ob der auch in der Datenbank nachfragt).

Die App müsste eigentlich jeden Kontakt und jeden nachfolgenden Folgekontakt warnen, und erst bei negativen Test aller Vorkontakte Entwarnung geben. So wie ich das Konzept verstehe, dürfte es aber genau umgekehrt sein, also nur bei bestätigtem Fall direkte Kontakte warnen.
Das funktioniert aber nur, wenn ich jeden Verdachtsfall auch gleich innerhalb 5 Tagen teste oder zumindest sofort komplett isoliere für 2 Wochen. Ansonsten verfolge ich damit erst wieder nicht Ausbreitungswege nach.
Gleichzeitig ist es denselben Leuten, die das gutheiszen, aber eh voellig egal, wenn sie an Whatsup Faceb00k und Co. ihre Daten verschenken.
Ich denke die Leute die sich da dagegenstellen sind auch Leute die WhatsApp und Facebook und Co möglichst meiden. Und wenn wer die Tracing App schlecht findet aber Facebook und Co ok findet, dann liegt das wohl daran dass es bei Facebook nicht so offensichtlich ist, dass es genau das selbe tut wenn nicht noch viel mehr. Wenn Facebook explizit mit Contact Tracing werben würde, würden sicher einige Facebook ganz anders sehen.

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Brett
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Re: Corona

Beitrag von Brett » Mi Nov 18, 2020 8:59 am

mastastefant hat geschrieben:
Mi Nov 18, 2020 3:17 am
Allerdings warum man dann nicht gleich eine einheitliche App haben kann versteh ich nicht.
Not-invented-here-Syndrom, denke ich.

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